22 12 Die dunkle Zeit

Wie der Zufall so will habe ich heute ein Weihnachtsmärchen gezogen. Ein Schöpfungsmärchen der Yellow Knives Natives aus dem Buch „Nordamerikanische Indianermärchen“. Und weil es mir so gefällt werde ich es heute in zwei Teilen hier abtippen und einstellen. Teil 1 jetzt und Teil 2 heute gegen Abend. Aufgepasst 🙂

Wie die Sonne gestohlen wurde Teil 1

Vor vielen, vielen Jahren, lange, bevor es an den Ufern des Großen Sklavensees Menschen gab, lebten alle Tiere friedlich zusammen, halfen einander und redeten eine gemeinsame Sprache. Damals gab es überall genug zu essen und niemand brauchte Not zu leiden. In einem Winter jedoch blieb der Schnee länger als gewöhnlich lieben. Die Sonne wollte und wollte sich nicht sehen lassen, und in großen Flocken fiel das Schweigen vom Himmel. Bald deckte der Schnee die ganze Erde zu, und die hohen Tannen hatten Mühe, sich gegen den brausenden Sturm zu behaupten. Es gab soviel Schnee, daß selbst die höchsten Spitzen der Bäume unter der weißen Last begraben waren. Der Frühling ließ auf sich warten, und die Sonne schien gestorben zu sein, denn monatelang herrschte völlige Dunkelheit. Die Tiere hatten große Not zu leiden, und viele von ihnen verhungerten oder verirrten sich im Schnee, wo sie jämmerlich erfroren. Da beschlossen die Überlebenden, eine Abordnung in den Himmel zu schicken, die nachsehen sollte, wohin die Sonne wohl verschwunden war.

Müßsam stapften die Tiere nach Norden, denn dort, wo am Himmelseingang die Geister der Verstorbenen zu tanzen pflegten, daß der ganze Himmel leuchtete, dort mußte auch für sie ein Weg sein. Nach langer Suche fanden sie schließlich den Eingang zur oberen Welt und befanden sich bald darauf in einem Lande voller Sonnenschein und Wärme, Gras und Blumen gab es dort, und freundlich spiegelte sich die Sonne im Wasser eines Sees. Am Ufer aber stand das Zelt des Schwarzen Bären, eines Tieres das damals auf der Erde noch unbekannt war.

Neugierig traten die Tiere näher, betrachteten das Lederzelt aus Rentierhäuten und fanden so drei kleine Schwarzbären, die ängstlich in einer Ecke saßen. Der alte Bär jedoch war nicht daheim, sondern zum See gegangen, um Rentiere zu erlegen. Dies war die Zeit der großen Wanderung, und täglich schwammen die Herden der Karibus über den See, dort, wo sich die beiden Ufer fast berührten. Eingentlich hattte der Schwarze Bär die Aufgabe den Eingang zur Oberwelt zu bewachen und ungebetene Gäste zu verscheuchen, aber manchmal ging eben der Jagdeifer mit ihm durch. Die drei kleinen Bären hatte er daheim gelassen, damit sie die heilgen Medizinbeutel im Zelt bewachen sollten, in denen ein großer Zauber verborgen war. Die Tiere wunderten sich, was wohl in den Beuteln sein mochte, aber die Bärlein blieben stumm und selbst der Elch traute sich nicht, sie einfach aufzumachen und nachzuschauen.

Als die Tiere merkten, daß es ihren Brüdern, den Karibus, ans Leben gehen sollte, hatten sie großes Mitleid. Rasch sandten sie die Maus hinunter ans Ufer, damit sie die Paddel im Kanu des Bären zernagen sollte. Sogleich machte sich diese an die Arbeit, aber sie hatte kaum richtig begonnen, als der Schwarze Bär erschien, um auf die Jagd zu gehen. Mit mächtigen Schlägen paddelte er auf den See hinaus, ängstlich drängten sich die Rentiere zusammen, als sie dem Jäger nahen sahen, und enttäuscht standen die Tiere am Ufer. Mit einem Male, als sich der Jäger mitten auf dem See befand, zerbrach das angenagte Paddel in seiner Hand, das Kanu kennterte, und der Schwarze Bär verschwand im Wasser.

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