6. Dezember

hui… fast… vergessen….

EINE GESCHICHTE:

Karl Heinrich Waggerl

Der Tanz des Räubers Horrificus

Gegen Abend nach der ersten Rast wollte Josef mit den Seinen wieder weiterziehen. Er nahm aber den Esel und ritt voraus hinter einen Hügel um den Weg zu erkunden.

„Es kann doch nicht mehr weit sein bis Ägypten“, dachte er.

Indessen blieb die Muttergottes mit dem Kinde auf dem Schoß allein unter der Staude sitzen, und da geschah es, dass ein gewisser Horrificus des Weges kam, weithin bekannt als der furchtbarste Räuber in der ganzen Wüste. Das Gras legte sich flach vor ihm auf den Boden, die Palmen zitterten und warfen ihm gleich ihre Datteln in den Hut und noch der stärkste Löwe zog den Schweif ein, wenn er die roten Hosen des Räubers von weitem sah. Sieben Dolche steckten in seinem Gürtel, jeder so scharf, dass er den wind damit zerschneiden konnte, an seiner Linken baumelte ein Säbel, genannt der krumme Tod, und auf der Schulter trug er eine Keule, die war mit Skorpionschwänzen gespickt.

„Ha!“ schrie der Räuber und riss das Schwert aus der Scheide.

„Guten Abend“, sagte die Mutter Maria.

„Sei nicht so laut, er schläft!“

Dem Fürchterlichen verschlug es den Atem bei dieser Anrede, er holte aus und köpfte eine Distel mit dem krummen Tod.

„Ich bin der Räuber Horrificus“, lispelte er “ich habe tausend Menschen umgebracht…“

„Gott verzeihe dir!“ sagte Maria.

„Lass mich ausreden“, flüsterte der Räuber, – „und kleine Kinder wie deines brate ich am Spieß!“

„Schlimm“, sagte Maria. „Aber noch schlimmer, dass du lügst!“

Hierbei kicherte etwas im Gebüsch und der Räuber sprang in die Luft vor Entsetzten, noch nie hatte jemand in seiner Nähe zu lachen gewagt. Es kicherten aber nur die kleinen Engel, im ersten Schreck waren sie alle davon gestoben und nun saßen sie  wieder in den Zweigen.

„Fürchtet ihr mich etwa nicht?“ fragte der Räuber kleinlaut.

„Ach Bruder Horrificus“, sagte Maria, „was bist du für ein lustiger Mann!“

Da drang dem Räuber lind ins Herz, denn, die Wahrheit zu sagen dieses Herz war weich wie Wachs. Als er noch in den Windeln lag, kamen schon die Leute gelaufen und entsetzten sich, „wehe uns“, sagten sie, „sieht er nicht wie ein Räuber aus?“ Später kam niemand mehr, sondern jedermann lief davon und warf alles hinter sich, und Horrificus lebte gar nicht schlecht dabei, obwohl er kein Blut sehen konnte und kaum ein Huhn am Spieß braten konnte.

Darum tat es nun dem Fürchterlichen in der Seele wohl, dass er endlich jemand gefunden hatte, der ihn nicht fürchtete.

„Ich möchte deinem Knaben etwas schenken“, sagte der Räuber, „nur habe ich leider nichts als lauter gestohlenes Zeug in der Tasche. Aber wenn es dir gefällt, dann will ich vor ihm tanzen!“

Und es tanzte der Räuber Horrificus vor dem Kind und kein lebendiges Wesen hatte je dergleichen gesehen. Den krummen Tod hob er über sich gleich der silbernen Sichel des Mondes, die Beine schwang er unterhalb mit der Anmut einer Antilope und so geschwind, dass man sie nicht mehr zählen konnte.

Er schleuderte alle sieben Dolche in die Luft und sprang durch den zerschnittenen Wind, gleich einer Feuerzunge wirbelte er wieder herab. So gewaltig und kunstvoll tanzte der Räuber, so überaus prächtig war er anzusehen mit seinen Ohrringen und den gestickten Gürtel und den Federn auf dem Hut, dass sogar die Jungfrau Maria ein wenig Glanz in die Augen bekam.  Auch die Tiere der Wüste schlichen herbei, die königliche Uräusschlange und die Springmaus und der Schakal, alle stellten sich im Kreise auf und klopften mit ihren Schwänzen den Takt in den Sand.

Schließlich sank der Räuber erschöpft zu Füßen Marias nieder und da schlief er auch gleich ein.

Josef war längst weiter gezogen, als er endlich wieder aufwachte und benommen seines Weges ging.

Alsbald merkte er auch, dass ihn niemand mehr fürchtete. „Er hat ja ein weiches Herz!“ erzählte die Springmaus überall. „Vor dem Kinde hat er getanzt“, zischte die Schlange.

Horrificus blieb in der Wüste, er legte seinen  fürchterlichen Namen ab und wurde ein mächtiger Heiliger im Alter, es soll verschwiegen bleiben, wie er im Kalender heißt.

Wenn aber einer von euch etwas zu verbärgen hätte und nur sein Herz wäre weich geblieben, so mag er getrost sein. Gott wird ihm dereinst verzeihen um des Kindes willen, wie dem großen Räuber Horrificus.

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